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Blog 06.09.2017

Digitale Pflege: Wie Menschen länger autonom leben können

von Jacqueline Stork

Smart Service Power: Projektleiterin Dr. Bettina Horster im Interview

Das Projekt Smart Service Power möchte durch intelligente Digitalisierung und Verknüpfung der verschiedenen Datenquellen das altersgerechte, technikgestützte Wohnen im Quartier ermöglichen. Damit Technik von den Menschen nicht als kalt und inhuman empfunden wird, gilt: High Tech mit "High Touch". Projektleiterin Dr. Bettina Horster gibt im Interview einen exklusiven Einblick in das Projekt.

Wie ist die Projektidee entstanden?

Bettina Horster: Daseinsfürsorge ist eine Pflicht. Der Kostendruck insbesondere im pflegerischen Bereich ist aber enorm. Städte bringt der demografische Wandel deshalb perspektivisch in große finanzielle Probleme. Hier setzen wir an, denn bislang wurde das Thema Digitalisierung in der Pflege nicht behandelt, auch nicht im Rahmen von Smart City Konzepten. Aber: Digitale Technologien können dabei helfen, die Probleme des demografischen Wandels zu bewältigen, ohne dass die zu pflegenden Personen Einbußen haben. Das Ziel des Projekts Smart Service Power ist es deshalb, ältere Menschen bedarfsgerecht mit digitalen Technologien zu unterstützen, so dass sie länger in ihrer eigenen Wohnung leben können.

Wie soll diese Unterstützung im alltäglichen Leben aussehen?

Bettina Horster: Das Projekt setzt an den Basis-Bedürfnissen des Menschen an, denn nur dann ist ein autonomes, gefährdungsarmes und vitales Leben in der eigenen Wohnung möglich. Besonders wichtig sind die Bereiche Sicherheit (z. B. Sturzerkennung), Essen und Trinken (z. B. Dehydrationserkennung) und Kommunikation und Erhalt (z. B. Telemedizin durch Mitteilung der wichtigsten Vitalparameter an den behandelnden Arzt). Daneben gibt es auch noch Komfortfunktionen wie bspw. Catering und Conciergedienste, die das Leben des Bewohners stark vereinfachen können.

Wie wird das in der Praxis umgesetzt?

Bettina Horster: Ganz praktisch sieht das dann so aus, dass ein Hautpflaster beispielsweise darüber Auskunft gibt, ob der Mensch ausreichend trinkt. Ist das nicht der Fall, kann der Pflegedienst in einem ersten Schritt die betreffende Person anrufen und muss nicht gleich vorbeifahren. Erst in einem zweiten Schritt, falls der Patient immer noch nicht getrunken hat, würde der Pflegedienst tatsächlich rausfahren. Das ist kostengünstiger und gleichzeitig zuverlässiger. Mit Hilfe eines an der Decke befestigten Sensors (z.B. Ultraschall oder ein Time of Flight (TOF)-Sensor – keine Kamera) kann detektiert werden, ob eine Person gestürzt ist und nun am Boden liegt. Wenn sich die Person nicht mehr aufrichten kann und am Boden liegen bleibt, beginnt eine Alarmierungskette, die dann in einen Notruf münden kann.

Mussten hierfür völlig neue digitale Technologien entwickelt werden?

Bettina Horster: Alle notwendigen Sensoriken sind schon heute marktreif und werden teilweise bereits isoliert voneinander eingesetzt. Die Herausforderung des Projekts besteht in der Zusammenfassung aller Daten – dadurch können Krankheitsverläufe erkannt und besser behandelt werden. Änderungen in der Medikation können viel exakter vorgenommen werden. Wir streben eine engmaschige Überwachung des Bewohners an, die über das heutige Notfallerkennungssystem weit hinausgeht. Ähnlich wie bei digitalen Konzepten wie Predictive Maintenance, Condition Monitoring und Echtzeit-Tracking, erheben wir Daten und analysieren diese mit Hilfe von Big Data und KI-Tools. Dabei spielt es aus technischer Sicht keine Rolle, ob wir eine Maschine überwachen, oder einen Menschen.

Das klingt aus technischer Perspektive vielversprechend. Aber was sagen Sie den Menschen, die ethische Bedenken haben? Führt das Projekt dann nicht schrittweise zur Vereinsamung der älteren Gesellschaft?

Bettina Horster: Ich kann diese Bedenken durchaus verstehen. Aber ein Pflegedienst ist auch heute nicht mehr für das Soziale zuständig, denn dafür fehlen schlichtweg die Zeit und das Geld. Der Einsatz digitaler Technologien spart einerseits Geld, was dann für soziale Zwecke eingesetzt werden kann und sichert gleichzeitig die Versorgung der älteren Menschen. Durch das Projekt wird der Mensch gläsern, das stimmt. Aber wir möchten, dass er die Autonomie über seine Daten behält. Er entscheidet, was mit seinen Daten passiert, ob und an wen sie weitergegeben werden dürfen. Gleichzeitig erforschen wir, ob diese Daten eventuell gewinnbringend verkauft werden können, so dass der einzelne Mensch auch einen monetären Vorteil aus diesem System ziehen kann.

Wie sehen die nächsten Schritte im Projekt aus?

Bettina Horster: Aktuell erproben wir erste Konzepte mit verschiedenen Testpersonen. Diese Testphase soll noch ausgeweitet werden. Im kommenden Jahr sollen fünf Wohnungen, die mit verschiedenen Sensoriken ausgestattet sind, von Testpersonen auf ihre Alltagstauglichkeit überprüft werden. Gleichzeitig schauen wir im Living-Lab, einem Test-Labor des Fraunhofer-Instituts, was gut funktioniert und was verbessert werden muss.

Dieser Beitrag ist Teil einer Interviewreihe, in deren Rahmen wir auf unserer Website gelistete, innovative Projekte aus Nordrhein-Westfalen vorstellen. Weiter Informationen zu Smart Service Power finden Sie hier.

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