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Blog 03.11.2018

Zukunft der Arbeit oder Arbeit der Zukunft?

von Bajram Dibrani

In den vergangenen Jahren kursieren die immer wieder gleichen Schlagzeilen: Digitalisierung bedroht Arbeitsplätze. Durch die Entwicklung neuer Technologien der Künstlichen Intelligenz lassen sich zunehmend mehr Tätigkeiten ersetzen. Wir müssen uns weiterbilden, um gegen die Roboter bestehen zu können. Die Medien geizen dabei nicht mit Drama. Aber was sagt die Wissenschaft?

„In 15 bis 20 Jahren wird die Hälfte der Arbeit, so wie wir sie kennen, verschwunden sein. Und in drei bis vier Dekaden wird niemand mehr arbeiten – zumindest nicht für Geld“, sagte Karl-Heinz Land in einem Interview Anfang des Jahres der Wirtschaftswoche. Herr Land ist Digitalexperte und gut bezahlter Redner und Autor zu Themen der digitalen Transformation. Im Jahr 2006 wurde er als Geschäftsführer der VoiceObjects AG vom Time-Magazin und dem Weltwirtschaftsforum als Technology Pioneer ausgezeichnet. Also jemand, der Ahnung hat.

Land ist nicht alleine. Ähnlich äußert sich medial wirksam immer wieder z. B. der Philosoph Richard David Precht. Er glaubt, dass Arbeiten in Zukunft ein Privileg der Bessergebildeten sein wird und am bedingungslosen Grundeinkommen kein Weg vorbeiführt. Ich behaupte keineswegs, es besser zu wissen als Land und Precht. Und doch beschleicht mich bei derlei Aussagen auch immer ein bisschen das Gefühl, dass es auch darum geht, Aufmerksamkeit zu generieren und sich selbst als Marke zu verkaufen. Medien und Menschen lieben nun mal das Drama. Doch was sagt die Forschung?

Vor kurzem ist das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) auf die Arbeitsmarkteffekte der Digitalisierung bis 2035 eingegangen. Die überraschende Schlussfolgerung: Die Digitalisierung hat kaum Auswirkungen auf das Gesamtniveau der Beschäftigung (siehe Abbildung 1). Sie führt jedoch zu größeren Verschiebungen von Arbeitsplätzen zwischen Branchen, Berufen und Anforderungsniveaus. Das ist das Ergebnis einer Szenarioanalyse, die eine im Jahr 2035 vollständig digitalisierte Arbeitswelt (Wirtschaft 4.0) mit einer Welt vergleicht, in der sich der technische Fortschritt am bisherigen Entwicklungspfad orientiert.

Gesamtzahl der Arbeitsplätze kaum verändert (Quelle: IAB)

Wie im Bund sind die Auswirkungen auf das regionale Gesamtniveau der Beschäftigung sehr gering. Dennoch sind auch in den einzelnen Regionen nennenswerte strukturelle Änderungen zu erwarten. Entscheidend hierfür sind die Branchen- und Berufsstrukturen vor Ort. Im Vergleich zur Basisprojektion werden im Jahr 2035 in Nordrhein-Westfalen im Wirtschaft 4.0-Szenario 294.000 Arbeitsplätze abgebaut, an anderer Stelle aber auch 292.000 Arbeitsplätze aufgebaut. Überdurchschnittliche Verluste dürfte es im „Sonstigen verarbeitenden Gewerbe” geben. Bei den Wachstumsbranchen ragt die Branche „Information und Kommunikati­on” heraus, für die das Wirtschaft 4.0-Szenario in Nordrhein-Westfalen eine überdurchschnittliche Beschäftigungszunahme anzeigt. Das könnte insbe­sondere für die Standorte Dortmund, Essen, Düssel­dorf, Köln und Bonn gelten, die bereits heute über­durchschnittlich hohe Anteile an Beschäftigten in dieser Branche aufweisen.

Im Allgemeinen erwarten die Autoren der Studie einen Rückgang an Arbeitsplätzen vor allem in den Bereichen Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei, Metallerzeugung und -bearbeitung, im verarbeitenden Gewerbe, in der Energieversorgung, im Baugewerbe, im Fahrzeugbau, Verkehr, Handel, der öffentlichen Verwaltung und - für mich überraschend - im Gesundheits- und Sozialwesen. Eine Zunahme an Arbeitsplätzen sei in den Bereichen Information und Kommunikation, Erziehung und Unterricht, Kunst, Unterhaltung und Erholung oder im Gastgewerbe zu beobachten.

Während sich Karl-Heinz Land im Interview sicher ist „Steuerberatern und Buchhaltern gebe ich nur noch fünf bis zehn Jahre“, sehen die Autoren der IAB- Studie im Jahr 2035 – also ganze 17 Jahre in der Zukunft - einen leichten Zuwachs an Arbeitsplätzen in der Branche der Finanz- und Versicherungsdienstleister. Mich überzeugen beide Aussagen nicht ganz. Und so müssen wir uns wohl weiter gedulden, wollen wir erfahren, was die Arbeitswelt der Zukunft tatsächlich für uns bereithält.

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